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Hans Pleschinski am 25. Januar 2012
in der Stadtbücherei

Im Herzoglich Croÿschen Hausarchiv in Dülmen hat er sich den Schatz erschließen können: die von ihrem Verfasser autorisierten Handschriften eines französischen Tagebuchs aus dem 18. Jahrhundert. Am Mittwoch, den 25. Januar wird um 20 Uhr im Lesesaal der Stadtbücherei Hans Pleschinski, der Herausgeber und Übersetzer, aus diesen Aufzeichnungen lesen, die unter dem Titel „Nie war es herrlicher zu leben. Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ“ im letzten Jahr erschienen sind. Pleschinski, 1956 geboren, lebt als freier Autor in München. Er hat Romane und Erzählungen geschrieben, sich aber immer wieder mit kulturgeschichtlichen Themen befasst; so erscheint jetzt aus aktuellem Anlass eine Neuausgabe seiner Edition des Briefwechsels zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen.

Der Verfasser des „geheimen Tagbuchs“, Herzog Emanuel von Croÿ (1718–1784), stammte aus einer altadligen Familie französisch-deutschen Ursprungs, war Landbesitzer, ranghoher Militär, Beobachter und Chronist seiner Zeit. Er interessierte sich insbesondere für Literatur, Architektur sowie das Theater. Er war nicht nur ein produktiver Autor von Essays und Pamphleten, sondern auch ein besessener Tagebuchschreiber, von dem tausende Seiten seines Tagebuchs seit 1740 überliefert sind. Hans Pleschinski hat das Journal, das man auch als einen üppigen Roman lesen könne, übersetzt, herausgegeben und kenntnisreich kommentiert. Das Buch ist von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen worden und liegt bereits in zweiter Auflage vor. Es stellt tatsächlich eine reiche, in mancher Hinsicht einzigartige Fundgrube dar für das politische wie das gesellschaftliche, das private und das höfische Leben im Frankreich und Deutschland des 18. Jahrhunderts. Es endet mit der „Stille vor dem Sturm“, ein paar Jahre vor der Französischen Revolution.

Farbig und anschaulich erzählt der Herzog von Begegnungen mit Voltaire oder Benjamin Franklin oder den Brüdern Montgolfier; er liefert Porträts von Madame de Pompadour und Marie Antoinette, schildert drastisch die Hinrichtung eines Attentäters und das Sterben Ludwigs XV. Aber der Diarist ist nie nur Zeitgenosse und Zuschauer. Durchaus unverblümt – und deshalb mag das Attribut „geheim“ zutreffen – spricht hier jemand mit Ambitionen – einer, der für seine Karriere auf Beziehungen aus ist und diese Beziehungen ehrgeizig instrumentalisiert …

Das Tagebuch ist ein in seiner Präzision und Welthaltigkeit unschätzbares Dokument einer untergegangenen Epoche. In ihm finden sich auch ein paar Bemerkungen zu einem Ort, der nicht untergegangen ist: „Die Stadt Münster ist groß und schön. Die meisten Häuser haben nur ein Stockwerk. Sie ist nicht so volkreich, wie sie im ersten Moment scheint, und zählt nur zehntausend Seelen. Sie hat sieben Stadttore. Das Saint-Gilles-Tor linker Hand der Zitadelle führt nach Dülmen. Sie nennen Gilles hier Ägidius.“

Vorverkauf: Buchhandlung Rosta, Aegidiistraße 12, Tel.: 44 926 und Abendkasse

Die nächsten geplanten Veranstaltungen:
24. Februar: Jan Böttcher liest um 20 Uhr im Lesesaal der Stadtbücherei aus seinem Roman „Das Lied vom Tun und Lassen“ (Rowohlt Verlag)
2. Mai: Felicitas Hoppe liest am 2. Mai aus ihrem, Roman „Hoppe“ (S. Fischer Verlag)



Hinweis auf eine Veranstaltung eines unserer Kooperationspartner

Vom Rhythmus des Sehens und Schreibens:
Der preisgekrönte Lyriker Nico Bleutge liest in Münster

Der Lyriker Nico Bleutge liest am 19. Januar 2012 um 20 Uhr in der Studiobühne der WWU (Domplatz 23a) aus seinem aktuellen Gedichtband fallstreifen (Eintritt: 6,- Euro, 4,- Euro erm.).
Nico Bleutges Gedichte sind Naturgedichte der anderen Art. Sie bieten keine Beschreibungen von (See)Landschaften, sondern führen vielmehr Sprache gewordene Schlaglichter des Sehens vor, die umso eindrücklicher und intensiver wirken. Schlaglichter, die immer auch auf die Körperlichkeit des Wahrnehmenden verweisen, ohne diesen allerdings immer auf ein „lyrisches Ich“ zurückführbar zu sein. Auf diese Weise werden seine Gedichte zu fragmentarischen Sprach-Körpern, die sinnliches Wahrnehmen rhythmisieren und vor allem intensivieren.
Nico Bleutge wurde 1972 in München geboren und studierte Neuere deutsche Literatur, Allgemeine Rhetorik und Philosophie an der Universität Tübingen. Er arbeitet als Lyriker und Essayist und ist z.B. für die Süddeutsche Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung als Literaturkritiker tätig. Zurzeit lebt er in Berlin.
Er veröffentlichte bislang zwei Gedichtbände: klare konturen (2206) und fallstreifen (2008). Beide Gedichtbände wurde von der Kritik mit großer Begeisterung aufgenommen; W. Segebrecht sprach in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gar von der ‚größten Begabung‘ unter den jüngeren deutschen Lyrikern. Bleutge erhielt zudem zahlreiche renommierte Preise, z.B. den Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis (2003), den Anna-Seghers-Preis (2006) und zuletzt den Wilhelm-Lehmann-Preis (2011).

Veranstalter sind das Germanistische Institut, der Fachbereich 09 der WWU sowie der Literaturverein Münster e.V. Kontakt: Dr. Jürgen Gunia, juergen.gunia@uni-muenster.de