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Raoul Schrott

„scene: österreich in nrw“- so heißt das Projekt, an dem sich das Kulturamt der Stadt Münster spartenübergreifend beteiligt. Der Literaturverein Münster ist für die literarischen Bausteine dieses Programms verantwortlich. Und es wird eröffnet mit einem Autor, der wie kaum ein zweiter in diesem Frühjahr höchste Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat – obwohl das Buch noch gar nicht veröffentlicht war. Am Dienstag, den 22. April wird um 20 Uhr im Lesesaal der Stadtbücherei Raoul Schrott aus einem überraschenden Werk lesen. Es verbindet jahrtausendeübergreifende literaturhistorische Kenntnisse und eine komparatistische literaturwissenschaftliche Kompetenz mit allen Tugenden eines unterhaltsamen Erzählers: „Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe“. Es ist ein grandioses Werk aus dem Quellgrund der neuen „Ilias“-Übersetzung, an der Schrott seit Jahren arbeitet und die im kommenden Herbst erscheinen wird.

Raoul Schrott – 1997 Gast des Münsteraner Lyrikertreffens - ist eine Ausnahmeerscheinung im europäischen Literaturbetrieb. Der 44-jährige Tiroler zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dichtern, Erzählern, Essayisten. Und gleichzeitig studiert er die „Erfindung der Poesie“ – indem er sie „aus alten Sprachen“ übersetzt! Im Jahr 2001 ist eine Übertragung des Gilgamesh-Epos erschienen, das jetzt auch im Homer-Buch gewichtige Spuren hinterlassen hat.

„Der göttliche Homer“, so fasst Schrott „Homerische Legenden“ zusammen: „der arme Sänger; der Seher; der blinde Mann aus Chios, Smyrna oder einer anderen der sieben Städte, die sich seine Herkunft zugute hielten; der Geschichtsschreiber und Philosoph; der Schirmherr aller Scholiasten, Kommentatoren, Exegeten, Gräzisten und Lehrer; der Übervater für all seine Epigonen; eine Autorität in Sachen Religion und aller sonstigen Dinge des Lebens, kurz: der Dichter – das ist die Maske, die uns seit dem Ende des 6. Jahrhunderts vor unserer Zeit entgegenstarrt.“ Das lateinische Wort für Maske ist „persona“, und Raoul Schrott ist so verwegen, hinter der Maske das Gesicht zu suchen, hinter dem Kampf um Troia die „realen“ Hintergründe: die Städte, die Gebirge, die Ebenen, die Flüsse. Raoul Schrott hat die Schauplätze aufgesucht; zahlreiche Fotos im Anhang des Buches stammen von ihm selber. Und er hat sehr gute Gründe, die Frage aufzuwerfen, ob Homer tatsächlich der „urgriechische“ Autor ist, als den wir ihn zu kennen glauben, oder nicht eher ein multikultureller Dichter, ein Weltensammler, der aus dem Füllhorn der ihn umgebenden orientalischen Kulturen geschöpft hat. Kommentatoren auf den politischen (!) Seiten überregionaler Tageszeitungen sehen in Raoul Schrotts „Antworten“ neue Fragen entstehen nach dem, was wir lange Zeit für unsere abendländische Identität gehalten haben: „Homer als Schreiber in assyrischen Diensten?“, fragt die F.A.Z. in einem Beitrag mit der Überschrift „Wir sind Kinder des Orients“ und gibt der Vermutung Ausdruck: „Diese Ilias könnte ideologische Fundamente stürzen“. - Für Spannung(en) ist bestens gesorgt!