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Thomas Sparr

Antisemitische Ausschreitungen, Demonstrationen, Symbole – fast weltweit! Und: Ausgerechnet in Deutschland müssen sich Juden wieder verstecken! Die schrecklichen Bilder aus der Ukraine werden verdrängt von Bildern aus Israel und Palästina. Und so hat eine bedrängende Aktualität ein Buch gewonnen, das fast zu einem Mythos geworden ist: international millionenfach verbreitet, dramatisiert, verfilmt, in andere künstlerische Gattungen übertragen. Aber eben auch ein Buch, das man zu kennen glaubt, selbst wenn man es gar nicht (ganz) oder vor langer Zeit gelesen, geschweige denn die Geschichte verfolgt hat, die mit der Publikation dieses „Jugend“-Buches verbunden war und ist. Jetzt gibt es einen faszinierenden Versuch, nicht noch einmal die Biographie des „Mädchens“ Anne Frank zu erzählen, sondern die ihrer Aufzeichnungen aus dem legendärem, heute zu einem Museum gewordenen „Hinterhaus“.

Am Montag, 20. November 2023, wird Thomas Sparr um 20 Uhr im Theatertreff (Neubrückenstraße 63) aus seinem Buch lesen, das erschienen ist unter dem Titel „‚Ich will fortleben, auch nach meinem Tod‘. Die Biographie des Tagebuchs der Anne Frank“.

Thomas Sparr, 1956 in Hamburg geboren, ist Autor, Literaturwissenschaftler und Verlagslektor. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Marburg, Hamburg und Paris war er von 1986 bis 1989 an der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig, anschließend im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Von 1990 bis 1998 leitete er den Jüdischen Verlag, war Cheflektor des Siedler Verlags und arbeitet heute im Suhrkamp Verlag. Vor drei Jahren hat er sein vielbesprochenes Buch über Paul Celan auch beim Literaturverein Münster vorgestellt: „Todesfuge. Biographie eines Gedichts“.

Mit der bislang nicht erzählten Geschichte von Anne Franks weltberühmtem Tagebuch schließt Thomas Sparr abermals eine literaturhistorische Leerstelle. Anne Frank träumte davon, eines Tages eine berühmte Schriftstellerin zu werden. Ihr Vater Otto Frank, der den Krieg als einziges Familienmitglied überlebte, wollte seiner Tochter diesen Wunsch erfüllen und machte die Verbreitung von Annes Tagebuch zu seinem Lebensinhalt. 1947 erschien »Het Achterhuis« in den Niederlanden, 1950 die erste deutsche Ausgabe. Heute zählt das Tagebuch zu den meistgelesenen Büchern der Welt; seine Wirkung ist unvergleichlich und ungebrochen. Doch die Geschichte seines Erfolgs ist geprägt von Hindernissen und Rückschlägen und weitgehend unbekannt. Kenntnisreich entschlüsselt Thomas Sparr, wie es entstanden ist, wie es verbreitet wurde, wie es auf der ganzen Welt rezipiert wird und warum es uns bis heute nicht loslässt




Das Jahr 2020 ist in doppelter Hinsicht ein Celan-Jahr: Vor 100 Jahren wurde Paul Celan geboren, vor 50 Jahren hat er den Freitod gewählt. Er hieß ursprünglich Paul Antschel, später rumänisiert Ancel, woraus das Anagramm Celan entstand. Unlöslich mit seinem Namen verbunden ist ein Gedicht, das wie kein zweites nach 1945 eine solche internationale Berühmtheit erlangte: „Todesfuge“. Celan hat es geschrieben unter dem unmittelbaren Eindruck der Ermordung seiner Eltern durch die Nationalsozialisten. Das Gedicht gilt als eines der frühesten literarischen Zeugnisse im Angesicht der Shoah. Jetzt hat Thomas Sparr diesem Gedicht ein ganzes Buch gewidmet. Am Mittwoch, den 7. Oktober 2020 wird er es um 19 Uhr im Franz Hitze Haus (Kardinal-von-Galen-Ring 50) vorstellen: „Todesfuge. Biographie eines Gedichts“. Im Oscar Romero-Saal des FHH stehen 60 Plätze zur Verfügung.

Thomas Sparr, Jahrgang 1956, war nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Marburg, Hamburg und Paris von 1986 bis 1989 an der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig, anschließend im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Von 1990 bis 1998 leitete er den Jüdischen Verlag, war Cheflektor des Siedler Verlags und arbeitet heute als Editor-at-Large im Berliner Suhrkamp Verlag. Zuletzt erschien von ihm »Grunewald im Orient. Das deutsch-jüdische Jerusalem«.

Sparr zeichnet die Geschichte der „Todesfuge“ nach, die wie kein zweites deutschsprachiges Gedicht in der Nachkriegszeit eine ganze Epoche ins Bild setzt und eine enorme, bis heute andauernde internationale Wirkungsgeschichte entfaltet. Zeilen wie diese sind so verstörend wie unvergesslich geblieben: „Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland / er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft / dann habt ihr eine Grab in den Wolken da liegt man nicht eng.“ Sparr spannt den Bogen von der Entstehung des Gedichts über seine zunächst kontroverse Aufnahme in den 1950er Jahren bis hin zu den Literaten und Künstlern, die sich bis in unsere Tage davon inspirieren lassen. Mitte der der 60er war Paul Celan zwei Mal auch als Nobelpreisträger im Gespräch. Aber damals vertrat die schwedische Akademie den Standpunkt, Celan könne nicht den Anspruch auf eine „hohe internationale Auszeichnung“ erheben. Thomas Sparr erklärt diese Geringschätzung auch mit der sehr ungeschickten Übersetzung der „Todesfuge“ in Schwedische: Statt „schwarze Milch der Frühe“ hieß es da in der ersten Zeile (wörtlich rückübersetzt): „schwarze Morgenmilch“. Den Nobelpreis 1966 erhielten dann Samuel Joseph Agnon und (die mit Celan „schwierig“ befreundete) Nelly Sachs. Die Kritikerin Maria Ossowski im SWR 2 hebt hervor, dass Sparr das Gedicht mit neuen Perspektiven umgebe, ohne ihm durch germanistische Analyse seine Kraft zu nehmen: „Er erzählt ein Stück Weltliteratur biografisch und persönlich. Eine imminent wichtige Arbeit, denn die Bilder der ‚Todesfuge‘ werden auch kommende Generationen beschäftigen.“