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Petra Morsbach
Ob Reiterhof oder Gasthof, Opernhaus oder Pfarrhaus – kaum eine Autorin beherzt die Maxime, dass dem Dichter kein Milieu fremd sein dürfe, so konsequent wie die 1956 in Zürich geborene , heute in der Nähe von München lebende Petra Morsbach. Am Montag, den 29. April 2013 wird sie um 20 Uhr im Lesesaal der Stadtbücherei aus ihrem neuen Roman lesen: »Dichterliebe«. Es ist eine Veranstaltung, die aus Mitteln des Förderprogramms »Grenzgänger« der Robert Bosch Stiftung unterstützt wird. Bereits der Romantitel mit seiner Anspielung auf Schumanns Vertonung von Heinrich Heine-Gedichten signalisiert, dass Petra Morsbach weiß, was sie tut. In ihrem 2006 erschienenen Essayband »Warum Fräulein Laura freundlich war« hat sie Über die »Wahrheit des Erzählens« nachgedacht: »Was macht unsere Sprache mit uns? (…) Warum hat es eine solche Bedeutung, wie wir unsere Erlebnisse erzählen, obwohl wir doch scheinbar reden können, wie’s uns passt? Nehmen wir mehr wahr, als wir wahr haben möchten?« Das Sprachmilieu, das sie in »Dichterliebe« aufsucht, ist das eines im Ostfriesischen lokalisierten Künstlerdorfes« wie Schöppingen, in dessen Abgeschiedenheit Stipendiaten für eine Zeitlang mehr oder weniger ungestört an ihren Werken arbeiten können. Zeitlich ist der Roman angesiedelt in der frühen »Nachwendezeit«. Erzählt wird der Roman aus der Sicht des in der DDR einst gefeierten und vielfach ausgezeichneten Lyrikers »Henry« Steiger, der seinem alten Status hinterhertrauert, im Künstlerhaus nicht zu seinem Eigentlichen kommt, mit einer leidigen Auftragsarbeit seine Geldsorgen kaum verkleinern kann und seine Not durch ein exzentrisches Gehabe kompensiert. Aber plötzlich auflebt, als die junge Schriftstellerin Sidonie Fellgiebel – für Henry zunächst eine »Westschnepfe« – in dem Künstlerhaus eintrifft. Petra Morsbach kennt ihre Kolleginnen und Kollegen, und was auf der einen Seite als die Geschichte einer tragikomischen Dichterliebe gelesen werden kann, ist auf der anderen Seite wahrnehmbar als die Historie des literarischen Ost-West-Milieus.
Über diesen – am Vorabend des 25. Jahrestages des Mauerfalls erscheinenden »originellsten Ost-Romans der Saison« schreibt Alexander Cammann in der »Zeit«: »Petra Morsbach kann zugleich erbarmungslos und mitfühlend mit Henry umgehen. Zudem gelingt ihr eine allgemeine Parabel auf die irdische Lächerlichkeit künstlerischer Selbstüberhöhung. Der Leser aber hat einen weiteren Schritt in der Historisierung östlicher Erfahrung miterlebt.« Und: Er hat einen Einblick gewonnen in die einsame Arbeitswelt des Künstlers, bekommt eine Ahnung von dem existentiellen Preis, der ein gezahlt werden muss, damit ein Erzählen oder ein Dichten oder ein Übersetzen wahr werde.
Der Literaturverein Münster eröffnet sein diesjähriges Jahresprogramm mit einer Veranstaltung, die facettenreich einführt in die hohe Kunst des Lesens. Am Dienstag, den 6. Februar wird Petra Morsbach um 20 Uhr im Haus der Niederlande aus ihrem neuen Buch lesen: Warum Fräulein Laura freundlich war. Über die Wahrheit des Erzählens. Der Autorin ist für dieses Buch soeben der renommierte Literaturpreis der Adenauer-Stiftung zuerkannt worden.
Die 1956 in Zürich geborene, heute am Starnberger See lebende Autorin hat für ihre Romane Plötzlich ist es Abend (1995), den Opernroman (1998), die Geschichte mit Pferden (2001) und Gottesdiener" (2004) bei Kritik und Publikum viel Anerkennung gefunden. Jetzt legt sie ihren ersten Essayband vor. Petra Morsbach fragt nach der Wahrheit des Erzählens, der Wahrheit der Sprache: Was macht unsere Sprache mit uns? ( ) Warum hat es eine solche Bedeutung, wie wir unsere Erlebnisse erzählen, obwohl wir doch scheinbar reden können, wie's uns passt? Nehmen wir mehr wahr, als wir wahr haben möchten? Fragen wie diese stellt Petra Morsbach nicht nur sich selbst und uns Lesern, sondern auch den Autoren dreier prominenter Prosawerke der Nachkriegsliteratur. Es sind Alfred Andersch mit seiner Erzählung Der Vater eines Mörders, Marcel Reich-Ranicki mit seiner Autobiographie Mein Leben sowie Günter Grass mit seinem Roman Die Blechtrommel.
Das Buch hat zwei Teile, einen theoretische und einen praktischen. Am Ende des ersten Teils stellt Petra Morsbach fest: (Die Sprache) zeigt uns, wie wir sind. Das ist für mich das Faszinierende: diese nicht auszuschaltende und nicht zu berechnende Wahrheit der Sprache, die weder dem Mächtigen gehört, noch dem Markt, noch der Eitelkeit, noch der Selbstsucht. Im zweiten Teil geht Petra Morsbach mit einer atemberaubenden, einer geradezu visionären Genauigkeit durch jene drei Bücher, die durch die Bestsellerehren, die ihnen allen zuteil wurden, fast schon unsichtbar geworden sind. So ist es verblüffend, wie feinfühlig Petra Morsbach das Erzählen etwa von Günter Grass durchschaut und das bereits zu einem Zeitpunkt, bevor der Nobelpreisträger seine SS-Zugehörigkeit bekannt hat. Offenbar gibt es eine Wahrheit des Erzählens, die mehr zu wissen scheint als der Erzähler selbst: Nicht, daß er die Wahrheit verschleiert, ist das Frappierende, sondern daß er sich selbst des Verschleierns überführt.


