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Margriet de Moor

Solche „Plots“ hat es in der deutschsprachigen Weltliteratur nur bei Heinrich von Kleist gegeben, zum Beispiel in der Erzählung „Das Erdbeben in Chili“. Die auch hierzulande gefeierte niederländische Autorin Margriet de Moor ist „ebenfalls“ so tollkühn gewesen, zugleich von einer ungeheuren Naturkatastrophe zu erzählen und von der Macht der Gefühle. Ihr Roman, der im Niederländischen den lakonischen Titel „De Vertronkene“ (Die Ertrunkene) trägt, erscheint in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Die Sturmflut“. Vordergründig ist es ein Roman „über“ die niederländische Hochwasserkatastrophe, der im Jahr 1953 fast 2000 Menschen zum Opfer fielen. Alles beginnt damit, dass am gleichen Tag, als das Unwetter sich anbahnt, Armanda ihre Schwester Lily bittet, einen Besuch bei ihrem Patenkind in Zeeland zu übernehmen. Unterdessen will sie selbst in Amsterdam bleiben, Lidys Tochter hüten und mit Lidys Mann auf eine Party im Familienkreis gehen. Als Lidy mit dem Auto in Zeeland eintrifft, bricht das Unwetter aus. Und jetzt kommt Margriet de Moor mit ihrer unerhörten Konstruktion: Während Lidy vermisst wird — und das über Tage, Wochen, Monate, Jahre — versucht Armanda zu Hause das Leben ihrer Schwester zu „übernehmen“, eine andere Lebensgeschichte fortzuführen, als wäre es ihre eigene. Sie heiratet Lidys Mann, zieht das Kind groß und wartet zeit ihres Lebens darauf, dass ihre Schwester gefunden wird. Auf eine staunenswerte Weise ist Margriet de Moors Einbildungskraft beiden Lebensgeschichten gewachsen. „Ich wollte schon sehr lange einen Roman mit zwei Zeitsträngen schreiben“, sagt die Autorin: „einer, der nur kurz dauert, und einer, der ein ganzes Leben beschreibt. Die eine Hauptfigur erlebt innerhalb von sechsunddreißig Stunden ein Drama, die andere führt ein alltägliches Leben. Die Frage ist: Welches Leben ist das dramatischere? Als ich den Roman unter diesem Blickwinkel betrachtete, fiel mir das Schreiben plötzlich sehr leicht.“ Die „schmerzhafte Schönheit“, die ein führender niederländischer Kritiker dem Roman nachsagt, wird tatsächlich auf jeder Seite erfahrbar.