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Wilhelm Genazino

Im letzten Jahr ist er mit dem wichtigsten deutschen Literaturpreis ausgezeichnet worden, „belohnt für sein Schauen“, hat die „Süddeutsche Zeitung“ geschrieben. Und sein neues Buch, das in diesem Frühjahr erschienen ist, hat in der Kritik ein begeistertes Echo gefunden. Wilhelm Genazino ist lange Jahre eine Art Geheimtipp gewesen, mancher Leser, der sich erst jetzt mit dem 1943 in Mannheim geborenen Autor zu beschäftigen beginnt, wird sich wundern über die das umfangreiche Werk, das seit 1965 – als sein erster Roman „Laslinstraße“ erschien - den heute so populären Romanen vorausgegangen ist, es ist die legendäre „Abschaffel“-Trilogie, die in den späten siebziger Jahren die Welt der Angestellten beleuchtet hat; es sind wunderbare Prosaminiaturen zu trivialen und erhabenen Postkarten, es sind eigensinnige Aufsätze, die sich immer wieder mit Fragen der Wahrnehmung und des Lächerlichen beschäftigen. Einer von diesen Essays ist in Buchform erstmals in dem Münsteraner Verlag Kleinheinrich erschienen – mit dem Titel „Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers.“

Unverdient spät hat Genazino eine breitere Aufmerksamkeit gefunden mit seinen letzten Büchern, die seit 2001 im Hanser Verlag erscheinen. Es sind Romane mit suggestiv geheimnislosen oder anarchisch verschmitzten Titeln: „Ein Regenschirm für diesen Tag“, „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ und jetzt „Die Liebesblödigkeit“. Und es sind Romane, die nicht gegen Windmühlen kämpfen, sondern – wahrlich mit dem Elan eines Don Quichotte - für das Individuum im Zeitalter der Cholera. Ein neuer Band mit Aufsätzen – die jenem Kampf einen unangestrengt begrifflichen Begleitschutz geben - ist ebenfalls vor kurzem erschienen, er trägt den bezeichnenden Titel: „Der gedehnte Blick“.

Die Rezensionen zu dem Roman „Die Liebesblödigkeit“ - der die Geschichte eines alternden Mannes erzählt, der sich zwischen zwei Frauen nicht entscheiden will - haben mit dazu beigetragen, dass Wilhelm Genazino sich rasch auf den Bestsellerlisten platzieren konnte. Hier ein paar Stimmen:
„Man kann den Genazino-Blick auf die Dinge des Alltags durchaus als skurril und sonderbar empfinden, als Sonderlinge gehen seine Helden sehr bewusst und selbstbewusst durch die Welt. Es ist ein stiller Abwehrkampf gegen die Behauptung, dass das Individuum austauschbar geworden sei“ (Volker Hage im „Spiegel“);
„Genazinos Buch mag auf den ersten Blick etwas zurückschrecken lassen, weil uns seine Figuren in ihrem gepflegten Lustschmerz maßlos lächerlich vorkommen. Wer einen zweiten, genaueren Blick wagt, entdeckt ein ergreifendes Protokoll der Melancholie, das sprüht vor Witz und Esprit“ (Roman Bucheli in der „Neuen Zürcher Zeitung“);
„Seine sympathisch verschroben Helden treiben sich im Alltag der Existenz herum, rackern sich an der ‚Gesamtmerkwürdigkeit de Lebens’ ab und gehen trotzdem nicht unter“ (Susanne Kunkel in der „Welt am Sonntag“);
„Und überhaupt ist (Genazino) ein Beispiel. Ein Beispiel für heiteres Darüberstehen ebenso wie für hohe Sprachkultur. Das macht ihn zu einer nahezu singulären Erscheinung in der deutschen Literatur der Gegenwart“ (Tilman Krause in der „Welt der Literatur“).
Einführung und Moderation: Hermann Wallmann, Literaturverein Münster.