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Michael Kleeberg

Viele haben ihn sich zu eigen gemacht, den Seufzer aus einem Gedicht von Matthias Claudius: „'s ist leider Krieg - und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!“ Nach der Sommerpause eröffnet der Literaturverein Münster sein Lesungsprogramm mit einem Autor, der sich diesem Thema stellt. Am Freitag, den 24. September 2010 wird um 20 Uhr im Lesesaal der Stadtbücherei Michael Kleeberg aus seinem neuen Roman lesen, der auf der Longlist zum deutschen Buchpreis 2010 steht: „Das amerikanische Hospital“.
Der 1959 geborene Autor erzählt die Geschichte eines amerikanischen Hauptmanns, der sich – nach dem ersten Golfkrieg - in Paris einer Trauma-Therapie unterzieht. Auf den ersten Blick ist es ein tollkühner Einfall, dass Kleeberg mit der Geschichte dieses David Cote eine zweite verschränkt. Es ist die der dreißigjährigen Pariserin Hélène, die ebenfalls das Amerikanische Hospital aufsucht. Sie bereitet sich auf eine künstliche Befruchtung vor. Eingebettet in eine Rahmenhandlung, deren Pointe nicht verraten sei, entwickelt sich zwischen diesen Patienten eine äußerst intensive Beziehung, die zunächst ausgelöst wird durch das gemeinsame Interesse an Lyrik. Es verdient allerhöchsten Respekt, mit welcher sprachlichen Geistesgegenwärtigkeit Michael Kleeberg alles Melodramatische vermeidet. Arthur Schnitzer hat einmal Sentimentalität als das Alibi der Hartherzigen entlarvt. Daran gemessen hat Michael Kleeberg einen äußerst warmherzigen Roman geschrieben. Einen Roman, der sich ganz offensichtlich stützt auf eingehende Recherchen und reflektierte Erfahrungen. Michael Kleeberg kann die Prozeduren der Inseminationstechnologie und die Schrecken einer militärischen Intervention mit einer existentiellen Sachlichkeit vergegenwärtigen, wie sie Gleichnisse oder literarische Parabeln auszeichnet. Er macht nicht nur das Erlösungsbedürfnis zweier verzweifelter Menschenkinder sichtbar, sondern wirft auch ein aufklärendes Licht auf den „amerikanischen“ Machbarkeitswahn. Kleeberg selber hat seinen Roman so zusammengefasst: „Es ist die Geschichte einer Freundschaft, vielleicht einer Liebe in Zeiten des Krieges. Des tatsächlichen Krieges von Völkern gegen Völker und Armeen gegen Armeen und des Kriegs der modernen Wissenschaft gegen die Natur oder das Schicksal. Es ist die Geschichte der Begegnung zweier Versehrter, die sich in dieser Situation stützen und helfen auf dem schmerzhaften Weg, die Autonomie, die sie verloren haben, wiederzuerlangen.“ Der Berliner „Tagesspiegel“ hat diese „Verdichtung von Menschenkunde und Zeitgeschichte“ mit Recht als einen Glücksfall bezeichnet.



Ein Herbst der großen Romane! Einen von ihnen hat die „Zeit“ emphatisch als ein „Proust-Joyce-Musil-Thomas-Mann-Projekt des Jahres 2007“ begrüßt. Am Mittwoch, den 14. November wird um 20 Uhr im Lesesaal der Stadtbücherei Michael Kleeberg aus seinem voluminösen (offenbar auf Fortsetzung angelegten) „Karlmann“ lesen.

Der 1959 in Stuttgart geborene, in den letzten Jahren auch als Proust-Übersetzer hervorgetretene Autor erzählt eine Handvoll Episoden aus dem Leben von Karlmann Renn; in jeder dieser Episoden steht ein anderes „Thema“ im Mittelpunkt – wie der Sport, die Arbeit, die Sexualität. Der Roman setzt ein mit einem jener magischen „Wo-waren-Sie-als-Momente“, und er endet mit einer solchen Sternstunde. Im Juli 1985 sitzt der von niemandem als der „altdeutsche“ Karlmann gekannte, sondern immer nur „Charly“ genannte Protagonist vor dem Fernseher und lässt sich von Boris Beckers erstem Wimbledon-Sieg hinreißen. Und im Herbst 1989 ist der Fall der Mauer jener Katalysator, der das Verhältnis von Privatem und Öffentlichem, von Welt- und Bewusstseinsgeschichte, von Wunsch und Wirklichkeit kenntlich macht. Anfangs ist es der soeben verheiratete, am Ende der verlassene Mann: kein Bildungsroman, sondern die Geschichte einer Ernüchterung; vierhundertundfünfzig Seiten, die selbst dann nicht hektisch daherkämen, wenn sie ein ganzes Leben verfolgen würden. Michael Kleeberg indes konzentriert sich auf fünf exemplarische Tage, und so hat sein Erzählen tatsächlich etwas von dem epischen Atem, den man mit Marcel Proust oder Thomas Mann verbindet. Als verfügte er über höchst bewegliche sprachliche Fühler, vermag er zu ergründen, wodurch der Bildschirm nicht nur Boris Beckers Endspiel, sondern auch die „ungeheure Zuversicht“ überträgt: „In den leeren blauen Augen, die nach innen horchen (darüber im Sonnenlicht leuchtend der weißblonde Fransenteppich der Schweinswimpern)? In dem ernsten, versunkenen, kalten Kindergesicht? Der spielerisch oder als sei er ein schüchternes kleines Mädchen, das etwas aufsagen soll, vor- und zurückgleitenden rosigen Zunge im Mundwinkel, wenn zugleich die Augen starr werden wie Gewehrmündungen.“ Und trotzdem ist das kein pointilistisches Buch.

Michael Kleeberg interessiert sich für eine Generation, für das „Eigentliche an Menschen“, die nach 1945 in der BRD, in Westeuropa groß geworden sind: „Es ist die Tatsache des Privatlebens. Es ist die Tatsache, dass alle wichtigen Entscheidungen solche des Privatlebens gewesen sind. Vielleicht hat nie eine Generation zuvor in Deutschland so ungestört dem Privatleben frönen können wie diese.“ Weil Michael Kleeberg bei der visionären Genauigkeit, über die er verfügt, die Epoche nur anzudeuten braucht, tritt um so körperlicher der Alltag hervor: „Ich wollte, um dem Alltag seine Geheimnisse zu entreißen, so der Autor in einem Interview, „eine Tiefenbohrung des Moments leisten und musste dazu jeden einzelnen Augenblick in Zeitlupe zerdehnen, um wirklich die Totalität all dessen, was in ihm gesehen, gefühlt, gedacht wird, zeigen zu können.“ Michael Kleeberg ist ein Spracherotiker, und es ist frappierend, wie tollkühn und zärtlich er für die besagte Totalität alle nur denkbaren sprachlichen Register zieht: Slang und Wissenschaftssprache, Essay und Erzählung „Poesie“ und „Prosa“.