LiteraturvereinLiteraturverein LogoBuchseite

Gisela von Wysocki

Was ist das für ein Buch, dessen Titel den eines berühmten deutschen Revuefilms aus den frühen vierziger Jahren übernimmt: „Wir machen Musik“ mit Ilse Werner und Viktor de Kowa? Es ist ein Buch, das von einer wiedergefunden Zeit erzählt. Am Dienstag, den 19. Juli wird Gisela von Wysocki um 20 Uhrim Lesesaal der Stadtbücherei aus diesem Buch lesen, dessen Untertitel die „Geschichte einer Suggestion“ ankündigt. Sie habe, erzählt die Autorin, ihre Kindheit wie ein verschnürtes Paket vor sich hingestellt und mit einer Magnetnadel ihrer Geschichte gesucht: „Ganz im Sinne von Djuna Barnes, die meint, wie seltsam es doch sei, dass einem das Leben erst dann so richtig gehört, wenn man es erfindet.“

Gisela von Wysocki ist aufgewachsen als Tochter eines Pioniers der frühen Schellack-Kultur, der in den zwanziger und dreißiger Jahren die Tanz- und Varietéorchester Berlins ins ODEON-Aufnahmestudio geholt hat. Und damit ein musikalisches Genre etabliert hat, das heute weltweit eine schmunzelnd nostalgische Aufmerksamkeit durch Max Raabe und sein Palast-Orchester findet und hierzulande durch Götz Alzmann mit Verve und zärtlicher Ironie vitalisiert wird. Die Tochter von Georg von Wysocki (und Schwester des Komponisten, Arrangeurs und Bandleaders Harald Banter) wächst in einer Wohnung auf, in der es ganze Gebirge der schwarzen Scheiben gibt, „lautlose Bewohner der Fußböden“. Für das kleine Mädchen ist es nichts als Zauberei, dass in diesen nur scheinbar schweigsamen Platten Takte und Töne kreisen, Rhythmen und Notenköpfe: „Ganze Orchester hatten sich in den gleichförmigen Rillen des Materials niedergelassen.“

Die Essayistin und Theaterautorin Gisela von Wysocki erzählt in ihrer ersten großen Prosaarbeit nicht nur die kaleidoskopische – weder nahtlose noch durchkomponierte - Geschichte ihrer „éducation musicale“. Sie besichtigt auch ein Zeitalter, Krieg und Nachkrieg. Sie beginnt zu spüren, was die Schlagertrivialität verdrängt, aber im Lauf der Zeit erfährt sie auch, dass es eine Musik gibt, die das Verdrängte aufhebt: „Fremde sind wir, sagt uns diese Musik. Fremd eingezogen, unverwurzelt geblieben. Und daran wird sich niemals etwas ändern. Wir möchten Losgelöste, Leichtgewichtige sein. Aufsteigen, schwerelos: aber wir würden stürzen und zerschellen. Zum Fliegen sind wir nicht gemacht. Wir haben keinen andern Himmel als die Erde. Und deshalb schreibt Franz Schubert keine nahtlose, keine durchkomponierte Musik.“ Verena Auffermann in der „Zeit“: „Es ist Literatur, wie sie im autobiographischen Genre selten zu finden ist. Eine absolute Auslese, niedergeschrieben mit präziser Fantasie, mit großem und tropfenweise injiziertem Witz.“